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Selbst erzählen statt erzählt zu werden Die Bedeutung von Schwarzer österreichischer Geschichtsschreibung „Es ist nicht so, dass wir nicht schon immer hier gewesen wären, seit es ein Hier gab. Es ist so, dass die Buchstaben unserer Namen durcheinander geworfen wurden, wenn nicht gar völlig ausgelöscht, unsere Fingerabdrücke an den Hebeln der Geschichte hat man als flüchtige Berührung von Vögeln bezeichnet.“ Marion Kraft/Rukhsana Shamim Ashraf-Khan in memoriam Audre Lorde Ausgrenzen, Abschieben, Verdrängen. Vorgangsweisen mit Tradition in Bezug auf die weit über die Zeit Mozarts hinausreichende nachweisbare Anwesenheit und Geschichte Schwarzer Menschen in Österreich. Unsere Bewegungsfreiheit ist immer noch eingeschränkt, unser Handlungsraum, unser Überleben stehen permanent auf dem Spiel. Entmenschlichende Gewalt im öffentlichen Raum: „N_* raus!“ auf Häuserwänden, tätliche Übergriffe, rassistische Zerrbilder in den Medien. Schweigend „abgesegnet“ von den Autoritäten oder selbst verantwortet. Die Botschaft ist klar: Weg mit euch. Ihr habt hier keinen Platz.
Diese Ausgrenzung steht in einer Tradition des angestrengten „Ent-innerns“ (Nicola Lauré al Samarai). Die weit zurückreichenden historischen Spuren Schwarzer Frauen, Männer und Kinder hierzulande wurden verwischt und ausgelöscht. Übrig ist ein kümmerlicher Rest an exotisierenden Fremddarstellungen Schwarzer Menschen, reduziert zu kuriosen (Forschungs-)Objekten. Die historische (und gegenwärtige) Verwurzelung der afrikanischen Diaspora in Österreich ist kaum bekannt und war auch vielen von uns Mitgliedern der Schwarzen Communities hierzulande nicht bewusst. Durch die Gründung einer Schwarzen Recherchegruppe als Bestandteil des Projekts Verborgene Geschichte/n – remapping Mozart sind wir nun dabei, verdrängtes Wissen über die Schwarze österreichische Geschichte zu bergen, ihm neuen Raum zu verschaffen und uns dadurch als Schwarze Menschen in diesem Land neu zu verorten. Entscheidend bei dieser Gegengeschichtsschreibung ist die Schwarze Perspektive, aus der wir versuchen, diese verborgenen Geschichte/n zu rekonstruieren: eine visionäre Geschichtsschreibung jenseits voyeuristischer Darstellungen der „exotischen Anderen“, befreit von gängigen Rassismen und Sexismen. Unsere VorfahrInnen der afrikanischen Diaspora in Österreich nicht als Objekte darzustellen, sondern als handelnde Subjekte ihrer/unserer eigenen Geschichte zu begreifen – als Menschen mit eigenen Lebensrealitäten, speziellen Überlebensstrategien und Eigen-Sinn (Nicola Lauré al Samarai). Und obwohl die Schwarze Geschichte dieses Landes letzten Endes bruchstückhaft bleibt, scheuen wir als Schwarze RechercheurInnen nicht davor zurück, Fragen aufzuwerfen nach Aspekten, die sich nicht mehr rekonstruieren lassen, sowie mögliche historische Gegenentwürfe zu zeichnen. Talking back from the margins (bell hooks). Dieser emanzipatorische Ansatz der Schwarzen Geschichtsschreibung verfügt über eine radikale politische Dimension. Allein die Tatsache, dass wir als marginalisierte Schwarze Menschen gemeinsam Raum besetzen, uns nicht verdrängen und brechen lassen, sondern uns geistig und physisch einen eigenständigen Ort schaffen, bedeutet Widerstand. Unser Dasein und unser selbstbestimmtes emanzipatorisches Tun ist ein Aufbegehren gegen die allgegenwärtige weiße Dominanz, nicht zuletzt gegen das weiße HistorikerInnen-Establishment Österreichs. Eigenmächtig machen wir uns zu AutorInnen und Autoritäten unserer eigenen Geschichte, erzählen selbst, statt erzählt zu werden, erobern öffentliche und mediale Räume zurück – und machen sie erkennbar als das, was sie (auch) sind: Schauplätze Schwarzer österreichischer Geschichte und Gegenwart. We are here to stay. Vor diesem Hintergrund stellte die Etablierung einer eigenständigen Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte innerhalb des Ausstellungsprojekts Verborgene Geschichte/n – remapping Mozart so etwas wie eine strukturelle Umsetzung und Grundlage für das gegenwärtige Schreiben von Schwarzer/n Gegengeschichte/n dar. In einer Gegenwart, in der Schwarz und Österreichisch noch immer einen Widerspruch in sich darstellen, gilt die Tatsache der Existenz einer Schwarzen österreichischen Geschichte zur Zeit Mozarts, d. h. im Wien des 18. Jahrhunderts, weitgehend als unmöglich. Das Ziel der Recherchegruppe, hier Unsichtbarkeiten aufzubrechen und neue Wege der Geschichtsschreibung zu beschreiten, ist also untrennbar mit Prozessen der Selbstdefinition verbunden, mit dem (selbst-)bestimmten Sichtbar- und Hörbarmachen Schwarzer österreichischer Erfahrungen und Gegenwarten. Eine Geschichtsschreibung, die Schwarze Menschen nicht mehr als exotische Objekte und Ausnahmeerscheinungen, sondern vielmehr als Subjekte und als Bestandteil österreichischer Geschichte neu verortet. Dabei werden auch über den österreichischen Tellerrand hinausgehende historische Perspektiven auf die Gegenwart geworfen, Verbindungen geschaffen und Zukunftsvisionen entworfen. So vollzieht sich beispielsweise gerade im 18. Jahrhundert im gesamten deutschsprachigen Kontext eine Wende in Bezug auf die Fremddefinition Schwarzer Menschen. Die in Redewendungen („der M_* hat seine Schuldigkeit getan“), in der Welt der Süßigkeiten, Mehlspeisen, Märchen und prominenten österreichischen und deutschen Firmenemblemen hartnäckig in die Gegenwart überlieferte Bezeichnung des M-Wortes* wurde zunehmend durch das in die blutige Geschichte der Sklaverei und die Konstruktion einer rassifizierten Unterlegenheit eingeschriebene N-Wort* abgelöst. Neben den von Monostatos, der schwarzen Figur in Mozarts Zauberflöte ausgehenden geschlechtsspezifischen Auseinandersetzungen mit österreichischen Darstellungstraditionen Schwarzer Menschen werden zudem auch emanzipatorische Perspektiven auf die wenig bekannte Geschichte der afrikanischen Diaspora zur Zeit Mozarts geschaffen. Dabei vereinigt die Recherchegruppe künstlerische und wissenschaftliche Positionen und setzt unterschiedlichste Erfahrungs- und Wissenskontexte miteinander in Beziehung. Das vielfältige, unter anderem auch in künstlerischen Arbeiten umgesetzte Wissen zu Schwarzer österreichischer Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Projekt. * Die beiden in eine weitgehend verharmloste Geschichte des Kolonialismus, der Versklavung und eine österreichische, stereotype Darstellungstradition eingeschriebenen Fremdbezeichnungen [Mohr] und [Neger] werden einer emanzipatorischen Schreibpraxis folgend als M.- und N.-Wörter zitiert. |