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Was aller Welt unmöglich scheint
(aus Die Entführung aus dem Serail, 3. Aufzug, Nr.17 Arie, Belmonte)


Kuffner Sternwarte, Johann-Staud-Straße 10, 1160 Wien
Eröffnung 21. Juni 2006, 19 Uhr
Dauer 22. Juni – 30. Juli 2006
Kuratorinnen Araba Evelyn Johnston-Arthur und Nora Sternfeld

 

 
ImageEine Installation zu emanzipatorischen Perspektiven auf Vergangenheit und Gegenwart der afrikanischen Diaspora in Österreich

Johann Ranusch, Josef Reiske, Franz Osterwitz, Nikolaus Rock: Namen von Schwarzen Menschen, die allein in Mozarts kurzer Lebenszeit im Krankenhaus der barmherzigen Brüder im 2. Wiener Gemeindebezirk als verstorben gemeldet wurden.

Die dritte Konfiguration Was aller Welt unmöglich scheint fragt nach bisher weitgehend unsichtbaren (Über)lebensrealitäten. Sie beschäftigt sich mit der gewalttätigen Wirkungsmacht bedeutungsvoller Fiktionen: Sie widmet sich u. a. den blutigen Realitäten, in denen die Fantasien über „die Anderen“ reale Auswirkungen haben, reale Leben und Namen definieren, markieren und begrenzen.

 

Gegengeschichten schreiben
Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte

Im Rahmen des vierteiligen Ausstellungsprojekts Verborgene Geschichte/n – remapping Mozart wurde eine Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte etabliert. Diese stellt sich der herausfordernden Aufgabe die Geschichte der afrikanischen Diaspora in Österreich sichtbar zu machen und bislang weitgehend ausgeblendete und verschüttete historische Realitäten zu thematisieren. ImageIn der dritten Konfiguration unter dem Titel Was aller Welt unmöglich scheint stehen gegenwärtige emanzipatorische Perspektiven im Vordergrund. Hier erzählt die Recherchegruppe selbst, statt erzählt zu werden: Eine Gegen-Geschichte, ein Zurückschreiben in Konfrontation mit gängigen, tief verankerten Verzerrungen, die exotisierende Kuriositäten produzieren.


„Let it be known“
Rap als Tool widerständiger Erzählpraxis
Das Video zum Song „Let it be known“, der gleichermaßen auf Recherche als künstlerische Strategie wie auch der Tradition der Oral History basiert, wurde in Konfiguration I als Projektion gezeigt. In Konfiguration III dienen die von den MCs Item7, Topoke, Gloria und Rameez verfassten Songtexte und der Sound als narrative Ausgangspunkte. Dabei wird von Rap als Tool ermächtigender und widerständiger Erzählpraxis ausgegangen, um aus gegenwärtiger Perspektive Schwarze Gegengeschichte/n zu erzählen und zu verankern.


Aspekte Schwarzer Frauengeschichte
 Ein Ausgangspunkt dieser Spurensuche ist dabei die ehemalige Weißgärbervorstadt im heutigen 3. Wiener Gemeindebezirk. Dorthin, in die Kirchengasse 38, heute Löwengasse/Radetzkyplatz, zog Angelo Soliman nach der heimlichen Eheschließung mit seiner weißen Frau Magdalena (geb. Kellermann) im Jahr 1768 und der darauf folgenden Entlassung durch seinen Dienstgeber Fürst Liechtenstein. Am 18. Dezember 1772 wurde ihre Tochter Josephine ImageSoliman geboren. Als Angelo Soliman nach seinem Tod ausgestopft und im K. K. Hof-Naturalienkabinett neben einem sechsjährigen afrikanischen Mädchen, deren Name als unbekannt gilt, Joseph Hammer und Pietro Michaele Angiola wie ein exotisches Tier öffentlich zur Schau gestellt wurde, war es seine Tochter Josephine Soliman, die sich dagegen zur Wehr setzte und eine würdige Bestattung ihres Vaters forderte. Die Arbeit von Belinda Kazeem und Claudia Unterweger – beide Teil der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte – beschäftigt sich mit den in den Ort des heutigen Weißgerberviertels eingeschriebenen Spuren Josephine Solimans und ihrer gegenwärtigen Bedeutung. Dabei werden auch über die afrikanische Diaspora in Österreich hinausgehende historische und gegenwärtige Perspektiven auf Schwarze Frauengeschichte geworfen.


Selbst erzählen – statt erzählt zu werden
Die Geschichte der verborgenen Geschichte/n wird in der Gegenwart geschrieben. Einer österreichischen Gegenwart, die von einem Spannungsfeld gezeichnet ist: Der extremen Sichtbarkeit Schwarzer Menschen als kriminalisierte, sexualisierte, exotisierte andere Objekte, über die gesprochen wird, steht die völlige Unsichtbarkeit Schwarzer selbstbestimmter Positionen und Definitionen gegenüber. Wie lässt sich Schwarze österreichische Geschichte in einem Zusammenhang erzählen, in dem Schwarze Menschen bisher im besten Falle als marginalisierte Objekte und nicht als Subjekte der Geschichtsschreibung gelten?


Wie lässt sich Schwarze österreichische Geschichte in einem arisierten Raum, in einem postnazistischen Zusammenhang erzählen?
 Standort der Konfiguration, in der diese Fragen zum Thema werden, ist die Kuffner Sternwarte im 16. Wiener Gemeindebezirk. Die Geschichte der Familie von Moriz von Kuffner, dem Stifter der Sternwarte, lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. ImageZu Mozarts Zeit lebte ein Ahnherr der Familie – Jehuda Löb – in Mähren. Im Zuge des Toleranzedikts von Joseph II. war die jüdische Bevölkerung gezwungen, deutsche Namen anzunehmen. Jehuda Löb erhielt so den Namen Kuffner. Zwei Jahrhunderte später wurde die Kuffner Sternwarte von den Nazis enteignet, von der NSDAP besetzt und für parteipolitische Zwecke genützt. Moriz von Kuffner, der Besitzer, musste emigrieren. Die Geschichte der verborgenen Schwarzen österreichischen Geschichte wird in einer österreichischen Gegenwart geschrieben. Einer Gegenwart, in der die Nazizeit und ihre Kontinuitäten mit verschiedenen Strategien verborgen werden. In einem Alltag des Verbergens. Wie lässt sich Schwarze österreichische Geschichte in einem postnazistischen Zusammenhang, in einem arisierten Haus erzählen? Sich in die österreichische Geschichte in der Gegenwart einzuschreiben heißt, die Geschichte der Nazizeit nicht auszublenden.


Talking Back! Unsichtbarkeiten durchbrechen und Strategien des Verbergens thematisieren
Die Ausstellung Was aller Welt unmöglich scheint bricht auf vielfältige Weise mit Unsichtbarkeiten und macht in der Öffentlichkeit bisher weitgehend ungehörte Gegengeschichte/n und mögliche Gegenentwürfe sichtbar. Nichtsdestotrotz heißt das Schreiben und Erzählen Schwarzer österreichischer Geschichte angesichts der vielen schmerzhaft offen bleibenden Fragen auch, ständig damit konfrontiert zu sein, dass Geschichtsschreibung auch eine Geschichte hat, eine Geschichte des Verbergens und eine Geschichte der Gewalt. Und diese Geschichte in einer Ausstellung zu bedenken heißt, auch zu erzählen, dass und wie Schwarze österreichische Geschichte bisher verborgen wurde.
Image In diesem Sinne widmet sich die Ausstellung dem Entbergen von Geschichte/n, nicht ohne die Strategien des Verbergens zu thematisieren. Im Vordergrund steht dabei gleichzeitig immer der – von der afrikanisch-amerikanischen Kulturkritikerin bell hooks geprägte – emanzipatorische Ansatz des talking back, der ungefragten Wortmeldung. Die Notwendigkeit des Hörbar-und Sichtbarmachens selbstbestimmter Schwarzer Subjektpositionen findet sich als zentraler Ansatzpunkt des Konzepts wieder.


Minoritäre Allianzen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt einerseits in der Frage nach den Möglichkeiten von minoritären Allianzen und andererseits in Selbstdefinitionen in der Gegenwart. Mit einer Installation, die gegenwärtige, emanzipatorische Perspektiven auf die Geschichte der afrikanischen Diaspora in Österreich wirft, einem Veranstaltungsprogramm, das sich dem Thema Orientalismus widmet, und einem Beitrag, der die Nützlichkeitserwägungen von Joseph II. mit seinen Toleranzedikten in Verbindung bringt, rückt die dritte Konfiguration jene Teile der Wiener Gesellschaft des 18. Jahrhunderts in den Blick, die bloß als „Figuren“ oder „Objekte“ in die Geschichte eingegangen sind – eine Geschichte, die bis heute kaum aus deren Perspektive geschrieben oder definiert wurde. Zudem widmen sich speziell erarbeitete Workshops einer Auseinandersetzung mit Logiken der Geschichtsschreibung in der Gegenwart und thematisieren Strategien gegen Rassismus und Antisemitismus.

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