Wer alles zu verlieren hat, muss alles wagen!
(aus Die Entführung aus dem Serail, 2. Aufzug, 8. Auftritt, Pedrillo)
Bösendorfer Klavierfabrik, Habig-Foyer, Graf-Starhemberg-Gasse 14, 1040 Wien
Eröffnung 9. März 19 Uhr
Dauer 10. März - 18. April 2006
Kuratorinnen Araba Evelyn Johnston-Arthur und Luisa Ziaja
Als Auftakt zur vierteiligen Ausstellungsreihe Verborgene Geschichte/n – remapping Mozart hat die erste Konfiguration mit dem Titel Wer alles zu verlieren hat, muss alles wagen! ihren Ausgangspunkt in zwei der meistgespielten Opern Mozarts DieEntführung aus dem Serail und DieZauberflöte.
Beide Stücke bedienen sich des im 18. Jahrhundert populären,
sogenannten „Türken-“ bzw. „Ägyptenstoffes“, also orientalisierender
und exotisierender Inhalte. Dabei greifen sie auf die westliche,
stereotype Darstellungstradition eines imaginierten „fremden und
exotischen Orients“ zurück. Edward Said hat dafür den Begriff des
„Orientalismus“ geprägt: Wie er zeigt, handelt es sich um einen
Diskurs, der dem Westen letztlich geholfen hat, sich selbst als
okzidentales aufgeklärtes Gegenstück zu definieren.
Ein wesentliches Element ist dabei das der Ambivalenz, das sich
beispielsweise in der beliebten Gegenüberstellung des „barbarischen“
und des „edlen Orientalen“ mit Osmin als „tölpelhaftem, blutrünstigem“
Türken und mit Selim als dessen „gerechtem und weisem“ Herrscher in der
Entführung aus dem Serail äußert. Über Jahrhunderte hinweg dient
das Konstrukt des Orients mitsamt des untrennbar mit ihm verbundenen
westlichen Islambildes auch heute noch dazu, Differenzen und
Ausschlüsse zu argumentieren und durchzusetzen.
Ungeachtet ihrer mitunter an klassische rassistische Stereotypen anknüpfenden Darstellungspraxis gilt die Zauberflöte heute als eine für Kinder gut geeignete „Einführungsoper“. Ihre weniger bekannte Fortsetzung Das Labyrinth oder Der Kampf mit den Elementen
(Libretto: Emanuel Schikaneder, Vertonung: Peter von Winter) führt
neben der Schwarzen, bösen männlichen Figur des Monostatos aus dem
ersten Teil nun noch drei Schwarze weibliche Figuren ein, die allesamt
den Namen Gura tragen. Anhand des Monostatos und der Guras werden
historisch tradierte genderspezifische Muster sexualisierter
Repräsentationen Schwarzer Menschen deutlich, die mitunter in
orientalistische Diskurse eingebunden sind.
Die Opernfiguren des Osmin, Selim, Monostatos und die der Guras
verweisen gerade angesichts ihrer unkritischen Darstellung in der
Gegenwart, wie tief verankert diese Stereotypen in Österreich sind.
Daher widmet sich die Ausstellung Wer alles zu verlieren hat, muss alles wagen!
repräsentationskritischen Fragen danach, wie die Opern Mozarts als
soziale Praxis und zentrales kulturelles Medium heute wirksam sind. Auf
welche Weise konstruieren und reproduzieren sie klassen- und
geschlechtsspezifische Zuschreibungen von Schwärze und des
„orientalischen, exotisierten und sexualisierten Anderen“? Wie können
sie dekonstruiert und Gegenbilder geschaffen werden?
Oper und
Bühne als Zentren repräsentativer Bedeutungsproduktion sind demnach
Kernelemente der ersten Ausstellung. Dabei sollen die dominierenden
Formen der Bildproduktion zwar benannt, nicht jedoch die konstruierten
Objekte oder Orte (wie das vorgeblich „orientalische“ Serail) als
solche reproduziert werden. Vielmehr geht es darum, das Genre (die
sogenannte „Türkenoper“), die Rollen und ihnen innewohnende
Zuschreibungen auf ihre gesellschaftlichen Funktionen damals und ihre
Wirkung auf das Heute zu befragen.
In
einem größeren Kontext werden Bühne und Oper zudem als vielfach
umkämpfte Orte der Gesellschaft von damals und heute gezeichnet. Gerade
zur Zeit Mozarts, im paradoxen Gebilde des aufgeklärten Absolutismus,
wird die Bühne als moralische Instanz thematisiert, als Gericht, das
die herrschenden Dualismen wie „Laster und Tugend“, „Torheit und
Weisheit“ verhandelt. In den Blick geraten dabei die
Identitätszuschreibungen einer sich formierenden bürgerlichen
Öffentlichkeit. Wer bildet diese kritische Öffentlichkeit, wer bestimmt
über Zugehörigkeit und Ausschluss? Was ist die gesellschaftliche
Funktion der Bühne, die nicht zuletzt Ort der politischen Kritik ist,
damals und heute? Und welche Rolle nehmen KünstlerInnen in diesem
Zusammenhang ein?
Die Ausstellung begreift sich darüber
hinaus selbst als Bühne der Bedeutungsproduktion, die das
vorherrschende, goldgerahmte Geschichtsbild auf vielfältige Weise
dekonstruiert: Sie entwickelt Gegenstrategien und stellt
selbstbestimmte, emanzipatorische Bildpolitiken ins Rampenlicht, die
verborgene Geschichte/n erzählen und sichtbar machen. So basiert die
eigens produzierte Videoarbeit Let it be known auf den
Ergebnissen der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer
Geschichte und setzt diese im populären Format eines Musikvideos um.
Eine weitere thematische Leitlinie beschäftigt sich mit der
geografischen Karte (englisch: map). Wie kann dieses mächtige Symbol
für das Festschreiben territorialer Grenzen und die Konstruktion
nationaler Identität selbst „remapped“ werden? Dazu schreibt die
Schwarze Künstlerin und Theoretikerin Lubaina Himid: „Karten sind
Wegweiser, definieren zur gleichen Zeit Grenzen und visualisieren
Eigentum. […] Karten wie jene von Christopher Columbus wurden
gebraucht, um Weltreiche zu expandieren. Ein Wohlstand, der aus dem
Boden Afrikas und anderer Kontinente außerhalb der europäischen
Hemisphäre gerissen wurde und auf dem Rücken von Menschenleben,
Mineralien und dem ökologischen Gleichgewicht der gesamten Welt Gestalt
annahm.“
Letztlich setzt die erste Konfiguration die
Koordinaten für das gesamte vierteilige Ausstellungsprojekt: Mit dem
„remapping“ Mozarts, einer zentralen österreichischen
Identifikationsfigur, wagt sie das Infragestellen und das Überschreiten
definierter Grenzen. Die Peripherie der verborgenen Geschichte/n
schreibt sich mit dem Wiener Mozartjahr 2006 ins Zentrum ein und macht
sich so auf unwahrscheinliche Weise sichtbar.
(c) 2006 by Verborgene Geschichte/n - remapping Mozart.
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